Bundesbeamte frisieren unliebsame Wikipedia-Artikel

Wikipedia ist das beliebteste Nachschlagewerk der Welt. Das wissen auch Bundesangestellte: Sie frisieren unliebsame Einträge und treibenes dabei gerne mal auf die Spitze. Wikipedia ist schon mehrfach gegen die Bundesverwaltung vorgegangen – und sperrte alle Staats-Computer.

Natürlich sind der Schweizer Nachrichtendienst NDB und seine Vorgängerdienste nicht über alle Zweifel erhaben. Ihre Geschichte ist geprägt von verhinderten Straftaten und dubiosen Schnüffelaktionen, von Licht und Schatten. Manches davon findet Eingang in das Online-Lexikon Wikipedia. Aber wer verfügt hier über die Informationshoheit?

Es ist der Vormittag des 13. Septembers 2012, als ein Bundesbeamter beschliesst, dass die Schweizer Nachrichtendienste bei Wikipedia in einem besseren Licht dastehen sollten. Er löscht Informationen zur Vorratsdatenspeicherung. Im Artikel zu den Nachrichtendiensten heisst es bis dahin nüchtern, dass die Behörden von Telekomanbietern die Speicherung der Verbindungsdaten verlangen dürfen. Das ist ein Fakt, belegt mit offiziellen Quellen.

Doch über die Vorratsdatenspeicherung wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Also lieber gleich ganz verschweigen: Der Bundesbeamte ersetzt die Passage kurzerhand durch einen Allgemeinplatz. Im Fernmeldeverkehr würden Informationen anfallen, schreibt er jetzt lapidar, «die zur Aufklärung von schweren Verbrechen erforderlich sein können».

Allerdings hat der findige Chronist nicht mit den Wikipedia-Administratoren gerechnet. Nach wenigen Minuten werden seine Änderungen rückgängig gemacht. Wer als nicht angemeldeter Benutzer an einem Artikel herumwerkelt, hinterlässt seine IP-Adresse, die Identifikation im Internet. Und IP-Adressen von Organisationen mit eigenem Netzwerk können zurückverfolgt werden – in diesem Fall zur Bundesverwaltung. Die Transparenz wird dem Beamten zum Verhängnis.

Beamte änderten 5500 Artikel
Jeder kann Beiträge bei Wikipedia erweitern und verbessern. Durch die Intelligenz der Masse soll ein riesiger Wissensspeicher entstehen. Gleichzeitig gehört es zu den Prinzipien von Wikipedia, dass jede Änderung gespeichert und sichtbar gemacht wird.

Das Reinwaschen des eigenen Aussenbildes verstösst gegen den Grundsatz der Unabhängigkeit. Trotzdem versuchen Unternehmen oder Behörden immer wieder, Artikel gezielt zu manipulieren. Viele der Änderungen werden entdeckt und rückgängig gemacht. Andere schaffen es dagegen ungefiltert ins Onlinelexikon.

Zu gross scheint der Reiz, das eigene Interesse durchzudrücken: Die Wikipedia-Artikel sind von immenser Bedeutung, weil sie oft das erste sind, das von Internetnutzern angeklickt wird. Wikipedia ist weltweit das beliebteste Nachschlagewerk. In der Schweiz zählt Wikipedia zu den fünf am häufigsten besuchten Internetseiten. Das macht sie so relevant. Kein Wunder, wollen sich Organisationen gut darstellen.

Die Bundesverwaltung ist dabei besonders aktiv, wie Recherchen zeigen: Allein im Jahr 2015 wurden 398 deutschsprachige Wikipedia-Artikel von Computern der Bundesverwaltung aus verändert. In den fünf Jahren zuvor werkelten Bundesangestellte an über 1500 Artikeln, seit dem Jahr 2003 waren es insgesamt über 5500.

Über 25’000 Computer
Die «Nordwestschweiz» hat alle anonymen Wikipedia-Änderungen der vergangenen fünf Jahre ausgewertet, die sich dem Netzwerk der Bundesverwaltung zuordnen lassen. Über 25’000 Computer sind daran angeschlossen. Die Auswertung stützt sich auch auf ein Computerprogramm des Norwegischen Programmierers Jari Bakken, das Eingriffe bei Wikipedia erfassbar macht.

Die meisten der Anpassungen über staatliche Computer sind eher profan – und zeigen, womit sich Bundesangestellte nebenbei noch beschäftigen. Am 1. Februar beispielsweise wurde ein Rechtschreibfehler im Artikel zum Musikgenre Yéyé korrigiert. Benutzer aus der Bundesverwaltung schreiben über die Geschichte des Etuikleids, teilen ihr Wissen über die Lourdesgrotte oder sammeln Fakten über Rikschas in Japan.

Manchmal aber nutzen Bundesangestellte die Offenheit von Wikipedia, um Einträge gezielt schönzufärben. Unliebsame Inhalte werden gelöscht, harmlose Informationen oder Werbetexte hinzugefügt. Ganz im Sinne des Staates?

Die «Nordwestschweiz» stiess auf über 50 entsprechende Artikel, teilweise wurden diese mehrfach abgeändert. Damit sie nicht auffliegen, arbeiten Schreiber mitunter während Monaten an einem Artikel. Stück für Stück entfernen sie einzelne Informationsbrocken.

Sperre für Bundesverwaltung
Unabhängiges Schreiben gehört zu den Grundwerten von Wikipedia. Nicht nur die grosse Zahl der Lexikon-Autoren gewährt Ausgewogenheit. Auch die 220 Schweizer Administratoren sollen mässigend einwirken. Sie prüfen Änderungen und machen Manipulationen rückgängig. Sie kassieren subjektive Wertungen oder fehlende Quellenbelege. Und all zu oft kämpfen die Qualitätshüter gegen werbliche Einträge.

Bundesangestellte treiben es auch diesbezüglich schon mal auf die Spitze: Der IP-Adressblock der Bundesverwaltung wurde in den vergangenen beiden Jahren gleich mehrfach gesperrt, wie Wikipedia bestätigt. Wikipedia-Administratoren entschieden sich nach einer Serie anonymer und unpassender Artikeländerungen dazu.

Bei den Benutzern aus der Bundesverwaltung sei «kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit erkennbar», lautete die Begründung dafür einmal. Die Folge: Beamte konnten bei Wikipedia während mehreren Wochen keine Änderungen mehr vornehmen – zumindest nicht an ihrem Arbeitsplatz. Auf Anfrage bestätigt das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation, dass ihm die Sperrungen bekannt seien.

Nicht nur Bagatellen
Für den Kommunikationsforscher Christoph Neuberger sind Manipulationen bei Wikipedia alles andere als Bagatellen. Der Münchner Professor sprach 2014 von einem «gravierenden Problem für die Gesellschaft», wenn ein bedeutender Wissensspeicher von politischen und wirtschaftlichen Interessen unterwandert werde.

Derweil wird es für Wikipedia-Administratoren zunehmend schwierig, manipulierte Einträge aufzudecken. Immer weniger unabhängige Freiwillige stehen immer mehr professionellen Schreibern gegenüber. Manche von ihnen arbeiten sogar mit gefälschten Benutzerkonten an einem Artikel. Bisweilen steckt ein Benutzer hinter mehreren anonymen Konten. PR-Agenturen haben bei Wikipedia längst ein Geschäft gewittert. Gegen Bezahlung verhindern sie, dass Kritik an ihren Kunden auftaucht.

Wie viele Einträge insgesamt schöngefärbt werden, weiss niemand. Schätzungen dazu gibt es keine. Die Wikipedia-Community ist sich jedoch einig: Verstärkte Kontrollen wären kaum zielführend. Das Onlinelexikon lebt davon, offen für alle zu sein.

Der Schweizer Förderverein Wikimedia setzt lieber auf Aufklärung. Es empfehle sich, Artikel kritisch zu lesen. «Jeder Nutzer soll Wikipedia-Inhalte und ihre Entstehung bestmöglich beurteilen können», sagt Wikimedia-Präsident Patrick Kenel. Die sogenannten Versionsgeschichten eines Artikels helfen dabei, den Schreibprozess nachzuvollziehen.

Und die Behörden? Die Bundeskanzlei antwortet nur summarisch auf eine Anfrage der «Nordwestschweiz». Es gebe «keine zentralen Richtlinien oder Prozesse für die Bundesverwaltung», um Wikipedia-Artikel zu bearbeiten. Allenfalls sei es möglich, dass Bundesämter vereinzelt solche kennen. Damit hat es sich.

Gibt es Bundesangestellte, die Wikipedia-Artikel in offizieller Mission bearbeiten? Oder gehen die Änderungen auf übereifrige Mitarbeiter zurück? Auch das bleibt im Dunkeln.

So werden Wikipedia-Artikel frisiert

Das Nachschlagewerk im Visier: Was wird von der Bundesverwaltung aus bei Wikipedia geändert? Die «Nordwestschweiz» stiess auf über 50 Artikel mit Schönfärbereien und dokumentiert hier fünf davon.

Zum Teufel mit Kritikern?
Artikel: «Schweizer Luftwaffe» und andere

Besonders anfällig für Manipulationen scheinen Artikel, die sich um die Schweizer Luftwaffe drehen. Der Hauptartikel zum Thema wurde von Benutzern aus der Bundesverwaltung munter abgeändert und aufpoliert – stets im Interesse der Behörden. Mittlerweile zählt der Text über 40 Änderungen aus dem Bundesnetz. Teilweise umfassen die hinzugefügten Passagen mehr als 2000 Zeichen. Manche der Änderungen schafften es ungefiltert in die Wikipedia. Benutzer aus der Bundesverwaltung gelang es etwa, mehrere Passagen über gescheiterte Flieger-Beschaffungen zu entfernen. Ein Teil der Änderungen wurde von Administratoren jedoch entdeckt und rückgängig gemacht. So versuchten Autoren im November 2012, den gescheiterten Kauf von Transportflugzeugen als ideologisches Werk der Grünen und der SVP darzustellen. Um andere Passagen gab es einen veritablen Informationskrieg: Bundesbeamte schrieben Werbetexte, Administratoren löschten diese, Beamte hauten erneut in die Tasten. Weiter ging nur noch die Forderung eines Beamten im Diskussionsforum zum Artikel. Den Volksinitiativen gegen die Beschaffung von Kampfflugzeugen werde «viel zu viel Platz beigemessen», monierte er im Dezember 2011. Der Beitrag solle lieber über die Luftwaffe informieren – «und nicht über indirekte Dinge».

Ämter und ihr poliertes Image
Artikel: «Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit» und andere

PR-Beiträge sind für die Administratoren der Wikipedia oft leicht erkennbar, vor allem dank blumiger Worthülsen. Auch Benutzer aus der Bundesverwaltung tappen in diese Falle. Regelrecht schöngefärbt wurde etwa der Artikel zur Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), der bislang unbeanstandet blieb. Selbstdarstellerische Sätze informieren über die Aufgaben der Entwicklungshelfer. Nur ein Beispiel: «Multilateral engagiert sich die Deza in internationalen Organisationen und unterstützt im Rahmen der globalen Programme gezielt Innovationen und Projekte in den Bereichen Klimawandel, Wasser, Ernährungssicherheit, Migration und Gesundheit.» Der Beitrag zum Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) entstand ebenfalls zu grossen Teilen in den Berner Amtsstuben. Die Autoren berichten, wie Seuchen «mit grossem Einsatz auf allen Stufen der Veterinärbehörden» ausgerottet worden seien. Ähnliche Phrasen versuchten Beamte in weiteren Artikeln unterzubringen: Unter anderem in den Beiträgen zu mehreren Bundesämtern und zum Aussendepartment. Aber auch in jenen zu Armasuisse (Rüstungsbehörde), Ruag (Rüstungsfirma) und zur staatlichen Militärakademie.

Der harmlose Nachrichtendienst
Artikel: «Schweizer Nachrichtendienste»

Die Schweizer Nachrichtendienste sorgen regelmässig für Aufsehen. Mal mit einer Datenpanne, mal mit dilettantisch anmutenden Spähmethoden. Auch der Wikipedia-Artikel zu den Nachrichtendiensten ist mit Vorsicht zu geniessen: Fand der geneigte Leser hier bis zum 18. Dezember 2011 noch einen Satz zur Diskussion um das Trennungsgebot zwischen Nachrichtendienst und Polizei, war dieser plötzlich verschwunden. Gelöscht wurde die Passage von einem Benutzer der Bundesverwaltung. Im September 2012 folgten die nächsten Artikeländerungen, die sich dem Bundesnetz zuordnen liessen. So versuchte ein Mitarbeiter, Informationen über die Überwachung von Internet und Telefonie zu glätten. Fakten zur umstrittenen Vorratsdatenspeicherung, belegt mit amtlichen Quellen, sollten verschwinden. Mehrere Passagen wurden durch Allgemeinplätze ersetzt. So hiess es etwa schwammig: Im Fernmeldeverkehr würden Informationen anfallen, «die zur Aufklärung von schweren Verbrechen erforderlich sein können».

Schmeichelhafte Selbstdarstellung
Artikel: «Weiterentwicklung der Armee»

Die «Weiterentwicklung der Armee» ist das grosse Reformprojekt des Schweizer Militärs. Auf dem neusten Stand ist der Wikipedia-Artikel dazu zwar ohnehin noch nicht. So findet sich darin kein Wort, dass die Reform im Parlament zunächst gescheitert ist. Doch auch sonst ist der Artikel kaum eine verlässliche Quelle. Denn über zwei Drittel des aktuellen Textes wurden von Benutzern aus der Bundesverwaltung geschrieben. Der Artikel strotzt vor PR-Floskeln: Die Reform diene der Armee dazu, ihre «regionale Verankerung zu stärken» und das Verhältnis zu den finanziellen Mitteln auf eine «nachhaltig solide Basis zu stellen». Damit solle die Armee in der Lage sein, «auch in Zukunft die Schweiz und ihre Bevölkerung wirksam gegen moderne Bedrohungen und Gefahren zu verteidigen und zu schützen».

Wie ein Pendenzenberg verschwindet
Artikel: «Staatssekretariat für Migration»

Immer mehr Asylgesuche, immer mehr Beschwerdeverfahren: Der Pendenzenberg im Bundesamt für Migration (heute Staatssekretariat für Migration) gibt oft zu reden. Besonders im Sommer 2007. Damals stapelten sich zeitweise über 6400 offene Fälle beim Bundesverwaltungsgericht. Gesetzliche Fristen konnten kaum mehr eingehalten werden. Die Kollegen vom Bundesgericht mahnten zur Eile und sprachen gar von einem «enormen Pendenzenberg». Die Lage entspannte sich erst nach einer Asylgesetz-Revision. Nur: Über die turbulente Situation im Jahr 2007 ist bei Wikipedia nichts mehr zu erfahren. Ein 225 Zeichen langer Abschnitt dazu ging einem Benutzer aus der Bundesverwaltung wohl gegen den Strich. Im Januar 2015 löschte er den entsprechenden Eintrag erfolgreich.

(Erschienen in der «Nordwestschweiz» vom 9. Februar 2016 und auf Watson; Anzeigefoto: Flickr, CC BY 2.0)