Abenteuerzirkus für kleine Gutmenschen

Kurze Freiwilligeneinsätze in der Dritten Welt sind bei jungen Menschen gerade der letzte Schrei. Eine Polemik.

Ich kenne Gleichaltrige, die haben mit 20 Jahren mehr Nächstenliebe verbreitet als Mutter Theresa in ihrem ganzen Leben – glauben sie zumindest selbst. Einen Monat war Paul in Ghana. Nun legt er sein Smartphone auf den Tisch und reibt mir die Fotos seiner Reise unter die Nase. Hunderte von Fotos, die ich längst bei Facebook gesehen habe. Schau nur, lautet seine Botschaft, ich war in einem Waisenhaus und habe mich mit armen Kindern beschäftigt.

Strandferien? Wie spiessig. Interrail? Aber hallo. Wo bleibt denn da der Social Impact? Meine Generation reist nach der Matura oder der Lehre in arme Länder, tut Gutes und dokumentiert ihre Wohltaten penibel im Netz. Früher waren Freiwilligeneinsätze auf ein Jahr ausgerichtet, heute müssen ein paar Wochen reichen. Der Lebenslauf lässt sich auch so prima mit Social Skills aufmotzen. Die kleinen Events für Weltverbesserer können bequem über kommerzielle Reiseveranstalter gebucht werden. «Entwicklungshilfe braucht es einfach», sagt Paul. Ich nicke brav. Wer sich nicht auf so was einlässt, wirkt schnell hinterwäldlerisch.

Mit Entwicklungshilfe haben die Gutmenschen-Kurztrips jedoch wenig gemein, allein schon deshalb, weil dafür ein paar Wochen schlicht zu kurz wären. Im Abenteuerzirkus sind die Rollen klar verteilt: auf der Tribüne der nette Westler, in der Manege das arme Geschöpf. Morgens sitzt Paul drei Stunden im Klassenzimmer, in einer einfachen Hütte ohne Strom. Seine Arbeit beschränkt sich aufs Zuschauen. Mittags updatet er im Hotel sein Facebook-Profil, dann sonnt er sich am bewachten Strand. Nach vier Wochen fliegt der glückliche Paul mit seinem Teilnehmer-Zertifikat zurück in die Schweiz. Für die Kinder im Waisenhaus beginnt schon bald die nächste Vorstellung.

(Erschienen in der Solothurner Zeitung vom 27. August 2014; Anzeigefoto: Flickr, CC BY 2.0)