Funktional ohne Ende

Das Abstimmungsbüchlein, die auflagenstärkste Publikation des Landes, hat ein neues Design. So weit, so trocken. Doch das rote Heft ist mehr: Es steht in der Tradition der weltberühmten Schweizer Grafik.

Nein, eine Weltmacht ist die Schweiz wirklich nicht. Zumindest nicht, wenn man die einschlägigen Sparten dieses Superlativs betrachtet. In einem Bereich jedoch kann das Land seinen globalen Einfluss ganz bestimmt geltend machen: Die Schweiz sei eine «Weltmacht im Grafikdesign», schrieb der deutsche Design-Historiker Jörg Stürzebecher in einem Essay. Vieles, was zum «Allgemeingut der grafischen Sprache der Gegenwart» zähle, habe seinen Ursprung hierzulande. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde «Schweizer Grafik» zu einem stehenden Begriff, er steht für eine klare, zeitlose und funktionale Gestaltung. Das Bundesamt für Kultur führt die helvetische Gestaltungskunst auf der Liste des nationalen Kulturerbes.

So gesehen ist das, was 5,4 Millionen Schweizerinnen und Schweizer in diesen Tagen nach Hause geschickt bekommen haben, eine Hommage an die Aufgeräumtheit: das neue Abstimmungsbüchlein. Es steht ganz in der Tradition der Schweizer Grafik. Kennzeichnend dafür sind etwa typografische Raster, serifenlose Schriften, Marginalspalten, Weissräume und Flattersatz selbst bei langen Texten.

Das rote Heft ist längst ein Symbol für die demokratischen Mitspracherechte. Die auflagenstärkste Publikation des Landes geniesst eine hohe Glaubwürdigkeit. Diese Faktoren wirken verstärkend, wenn das Abstimmungsbüchlein nun auch noch zu einer Chiffre des «Swiss Style» wird. Dass sich die meisten Bürger kaum für die Gestaltung interessieren dürften, ist nicht weiter schlimm: Der Zweck heiligt die Form, so muss es sein.

Schweizer Ästhetik der Reduktion
Seit 1977 gehört das Abstimmungsbüchlein, im Volksmund liebevoll «Bundesbüchlein» genannt, zu jedem Urnengang. Der Bundesrat erklärt darin den Stimmberechtigten, worüber sie abstimmen können. Es sind vordergründig inhaltliche Überlegungen, die dazu geführt haben, dass die Bundeskanzlei das Büchlein bei der Zürcher Agentur Wirz Brand Relations einem Redesign unterziehen liess. Die Erklärungen darin galten vielen als zu unverständlich, ja sogar als zu unausgewogen. Kritiker bemängelten, es räume der Regierungsposition zu viel Gewicht ein. Lesbarer und attraktiver sollte das Büchlein deshalb werden, den Komitees gleich viel Platz einräumen wie dem Bundesrat.

Dank unterschiedlicher Einstiegstiefen werden jetzt auch eilige Bürger abgeholt, auf einer Doppelseite wird jede Vorlage kurz und knapp vorgestellt. Die Zusammenfassungen sind mit einem roten Balken gekennzeichnet, wie das für die Abstimmungen vom 23. September erstmals im neuen Design erscheinende Heft zeigt. Balkendiagramme in blauer Farben illustrieren die Abstimmungsverhältnisse im Parlament, Seitenzahlen führen zu detaillierten Erläuterungen. Wer tiefer eintaucht, wird mit einer Ästhetik der Reduktion belohnt. Das ist wohltuend angesichts der eher schwer verdaulichen Materie.

Da ist zuerst der grosszügige Weissraum, der Lesern bei den Einstiegsseiten zu den Vorlagen etwas Luft gönnt. Dank Zwischentiteln in der Marginalspalte ist der Fliesstext schön strukturiert. Auf Schmuckelemente wird verzichtet, selbst die Infografiken sind auf Piktogramme beschränkt. Stilprägend aber ist die Typografie, der wohl wichtigste Arm der Schweizer Grafik. Hiesige Designer setzten neue Massstäbe in schnörkelloser Schriftgestaltung. Sie prägten eine reduzierte Formsprache, frei von jeglichen Spielereien und ohne «Füsschen». Serifenlose Weltschriftarten wie «Univers» oder natürlich «Helevtica» entstanden in der Schweiz. Das Abstimmungsbüchlein ist in «Frutiger» gesetzt. Entwickelt wurde sie 1976 vom legendären Schriftgestalter Adrian Frutiger.

Aus der Fachwelt kommt Lob
Das Konzept des überarbeiteten Büchleins ist angelehnt an die Design-Vorschriften der Bundesverwaltung, dem «Corporate Design». Die Agentur Wirz hat sich gegen zwei Mitbewerber durchgesetzt, drei ihrer Designer arbeiteten am neuen Bundesbüchlein. Reich wurden sie mit dem Auftrag nicht: Auf insgesamt 80’000 Franken beziffert die Bundeskanzlei die externen Kosten für das Redesign. Man habe nicht alles anders machen wollen und bewusst auf «etablierte Elemente» gesetzt, betonen die Verantwortlichen der Agentur.

In der Fachwelt kommt dieser Ansatz gut an. «Hochparterre», die angesehene Zeitschrift für Architektur und Design, widmete dem Abstimmungsbüchlein soeben eine mehrere Seiten lange Besprechung. Raster schafften Klarheit und Übersicht verbessere die Leserführung, lobt das Blatt. «Glaubwürdigkeit ist der Generalbass.» Man könnte ergänzen: Das Bundesbüchlein strahlt eine Sachlichkeit aus, welche die in ihm präsentierten Argumente bisweilen vermissen lassen.

Dieser Text erschien am 3. September 2018 in der «az Nordwestschweiz».

(Foto: Sandra Ardizzone/az)